Abfärbetheorie: So schützen Sie Ihre Arztmandate vor neuen Gewerbesteuerfallen

BFH, Urt. v. 03.11.2015 – VIII R 62/13: Dieses Urteil zeigt, wie schnell einem Arzt die Gewerbesteuer droht – durch die so genannte Abfärbetheorie. Wir erläutern Ihnen alle Hintergründe und zeigen Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie Ihre Arztmandate vor Gewerbesteuerfallen schützen.

So schnell droht durch die Abfärbung die Gewerbesteuerpflicht

Das Urteil des BFH sorgte für Aufsehen und zeigt, wie schnell niedergelassene Ärzte und vor allem Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) gewerbesteuerpflichtig werden – und das durch ein Betei­ligungsmodell, das von Zulassungsausschüssen bis vor kurzem noch genehmigt wurde:

Ein „vermögenslos beteiligter“ Arzt kann die Gewerblichkeit der gesamten Berufs­aus­übungs­gemeinschaft auslösen. Im Entscheidungsfall war das Finanzamt im Zuge einer Außenprüfung zu dem Ergebnis gelangt, dass eine in einer Ärzte-GbR tätige Ärztin nicht als Mitunternehmerin der GbR anzusehen war. Hierfür sprach u.a., dass sie

  • einerseits nicht am Gewinn (ihre Einnahmen wurden als Vorabvergütung durch den BFH gewürdigt) und nicht am Verlust beteiligt war,
  • von der Teilhabe an den stillen Reserven der Praxis ausgeschlossen war,
  • keine Mitspracherechte hatte und
  • durch eine Berufshaftpflichtversicherung als auch durch vertragliche Regelungen von der Haftung weitgehend befreit war.

Begründung: Zwar dürfen sich Freiberufler der Mithilfe von fachlich vorgebildeten Arbeitskräften bedienen. Dann müssen sie aber weiterhin aufgrund eigener Fachkenntnisse leitend und eigen­verantwortlich tätig sein. Hieran fehlte es im Urteilsfall, denn die nicht zur Mitunternehmerin gewordene Ärztin hatte ihre Patienten selbst eigenverantwortlich behandelt, ohne dass die beiden Senior-Mitunternehmer der Gesellschaft sie überwacht oder bei der Behandlung der Patienten mitgewirkt hatten. Die Honorare der Ärztin beruhten somit nicht auf einer leitenden und eigenverantwortlichen Tätigkeit der Mitunternehmer selbst, so dass sie insoweit gewerbliche Einkünfte erzielten, die wiederum die freiberuflichen Einkünfte bestehend aus den beiden Senioren verfärbten (§ 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG) (BFH, Urt. v. 03.11.2015 – VIII R 62/13).

 

Hintergrund: Ärzte, die sich zur gemeinsamen Berufsausübung zusammengeschlossen haben, bilden eine Personengesellschaft (Ausnahme: es wird ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in der Rechtsform einer GmbH begründet). Hier werden nur dann freiberufliche Einkünfte erzielt, wenn sämtliche Gesellschafter die Merkmale eines freien Berufs erfüllen. Erzielen die Gesellschafter teilweise freiberufliche und teilweise gewerbliche Einkünfte, wird die Tätigkeit der Gesellschaft in vollem Umfang als gewerblich angesehen. Folge dieser „Abfärbung“ ist, dass der Gewinn der Gesellschaft dann in voller Höhe als Einkünfte aus Gewerbebetrieb gilt und damit der Gewerbesteuer unterliegt.

Das Urteil zeigt nur eine von vielen Möglichkeiten auf, wie Arztpraxen unversehens steuerlich gewerbliche Einkünfte erzielen können. Damit Sie Ihre Mandanten – insbesondere die von Ihnen beratenen Berufs­ausübungsgemeinschaften (früher: Gemeinschaftspraxen) sicher davor bewahren können, lesen Sie hier

  • die Grundlagen für die Beurteilung gewerblicher Tätigkeiten,
  • wichtige Sachverhalte, die zur Gewerblichkeit führen können, und
  • Beratungsempfehlungen, um eine gewerbliche Infizierung zu vermeiden.

Rechtsgrundlage der Abfärbetheorie

15 Abs. 3 Nr. 1 EStG

Als Gewerbebetrieb gilt in vollem Umfang die mit Einkünfteerzielungsabsicht unternommene Tätigkeit

  1. einer offenen Handelsgesellschaft, einer Kommanditgesellschaft oder einer anderen Personengesellschaft, wenn die Gesellschaft auch eine Tätigkeit im Sinne des Absatzes 1 Nr. 1 ausübt oder gewerbliche Einkünfte im Sinne des Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 bezieht.

Die Kriterien für eine Abfärbung der Gewerblichkeit

Die Tatbestandsmerkmale des § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG sind:

  1. Personengesellschaft
  2. mit Einkünfteerzielungsabsicht
    • bei Tätigkeit i.S.d. § 15 Abs. 1 Nr. 1 EStG oder
    • bei gewerblichen Einkünften i.S.d. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG.

Nach der Vorschrift des § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG erfolgt eine Umqualifizierung der nicht gewerblichen Tätigkeiten in gewerbliche Einkünfte. Die Betätigungen bilden insgesamt einen Gewerbebetrieb ab dem Zeitpunkt der Aufnahme der gewerblichen Tätigkeit. Aus Vereinfachungsgründen und der Tat­sache geschuldet, dass i.d.R. freiberufliche Personengesellschaften von dieser Regelung betroffen sind, wird im Merkblatt davon ausgegangen, dass eine freiberufliche Personengesellschaft auch gewerbliche Einkünfte erzielt. Genauso davon betroffen sein könnte aber auch eine vermögensverwaltende Personengesellschaft.

Kriterium 1: Personengesellschaft

Personengesellschaften sind: Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR oder auch BGB-Gesellschaft genannt), offene Handelsgesellschaft, Kommanditgesellschaft und Partnerschaftsgesellschaft.

Der Einzelunternehmer unterliegt keiner Abfärbetheorie, da das Gesetz ausdrücklich an das Vor­liegen einer Personengesellschaft anknüpft. Der Einzelunternehmer stellt eben keine Personen­gesellschaft dar. Erzielt der Einzelunternehmer neben seinen freiberuflichen Einkünften auch gewerbliche Einkünfte, erzielt er Einkünfte aus beiden Einkunftsarten, deren Gewinne auch getrennt zu ermitteln sind, es kommt aber nicht zur sogenannten Abfärbetheorie, die besagt, dass die freiberuflichen Einkünfte aufgrund der gewerblichen Einkünfte zu gewerblichen Einkünften mutieren.

Kapitalgesellschaften (GmbH, AG) und andere Gesellschaftsformen fallen nicht unter diese Regelung.

Kriterium 2: Einkünfteerzielungsabsicht

Die Personengesellschaft muss mit Einkünfteerzielungsabsicht tätig werden. Die Gewinn­erzie­lungsabsicht gehört zu den Merkmalen jeder gewerblichen Tätigkeit (§ 15 Abs. 2 Satz 1 EStG). Wird nachhaltig kein Gewinn erzielt, weil es an der eigenständigen Gewinnerzielungsabsicht für die gewerblichen Leistungen fehlt, können folglich keine gewerblichen Einkünfte entstehen (vgl. z.B. BFH, Urt. v. 18.05.1995 – IV R 31/94).

Das heißt: Personengesellschaften, die keine Einkünfteerzielungsabsicht haben, unterliegen nicht der Abfärbetheorie. Höchstrichterlich noch un­geklärt ist, ob die Abfärbetheorie greift, wenn die Personengesellschaft lediglich kostendeckend („zu 0 €“) tätig wird. Offengelassen hat der BFH, welche Bedeutung es hat, ob dem Grunde nach ge­werbliche Leistungen ohne Gewinnerzielungsabsicht erbracht werden (BFH, Urt. v. 27.08.2014 – VIII R 6/1,2 Rdnr. 42 und BFH, Urt. v. 27.08.2014 – VIII R 16/11, Rdnr. 20).

Kriterium 3: Tätigkeit und Einkünfte

Die Personengesellschaft muss selbst

  1. eine gewerbliche Tätigkeit ausüben oder
  2. gewerbliche Einkünfte beziehen.

Beide Voraussetzungen stehen gleichrangig nebeneinander.

Welche Lebenssachverhalte zur Anwendung der Abfärbetheorie führen können (Beispiele)

1. Verkauf von Produkten/Waren

Zum Beispiel Augenärzte verkaufen Kontaktlinsen und Pflegemittel; Zahnärzte betreiben einen Pro­phylaxeshop; Allgemeinmediziner verkaufen Ernährungsergänzungsprodukte; Tierärzte verkaufen Tierarzneimittel.

2. Gewerbliche Dienstleistungen

Dienstleistungen außerhalb der ärztlichen Tätigkeit, die für sich betrachtet auch bei einem Dritten gewerbliche Einkünfte verursachen würden (z.B. Ärzte vermieten gegen Entgelt (zeitweise) ein Gerät an Kollegen).

3. Beteiligung an einem Gewerbebetrieb

Beteiligungen an einem Gewerbebetrieb in der Rechtsform eines Einzelunternehmens oder einer Personengesellschaft (z.B. eine zahnärztliche Berufsausübungsgemeinschaft beteiligt sich als Kom­manditist an einer Dentallabor GmbH & Co. KG).

4. Beteiligung von berufsfremden Gesellschaftern

Beteiligung von berufsfremden Gesellschaftern an der freiberuflichen ärztlichen Perso­nen­gesell­schaft.

5. Beteiligung von inaktiven Gesellschaftern

Beteiligung von inaktiven Gesellschaftern an der freiberuflichen ärztlichen Personengesellschaft.

6. Interprofessionelle Zusammenarbeit

Interprofessionelle Zusammenarbeit und Zuweisung von Gewinnen aus einem fachfremden Beruf/einer fachfremden Fachrichtung, ohne dass hierfür wirtschaftliche Gründe vorliegen (FG Düsseldorf, Urt. v. 13.01.2005 – 16 K 4282/02 F).

7. Berufsrechtswidriges Verhalten

Berufsrechtswidriges Verhalten kann zu gewerblichen Einkünften führen und die Anwendung der Abfärbetheorie nach sich ziehen (FG Düsseldorf, Urt. v. 13.01.2005 – 16 K 4282/02 F).

8. Gescheiterte Mitunternehmerstellung

Gescheiterte Mitunternehmerstellung eines Gesellschafters und Partizipation an den Gewinnen dieses gescheiterten Mitunternehmers durch die tatsächlichen Mitunternehmer (BFH, Urt. v. 03.11.2015 – VIII R 63/13, BStBl II 2016, 383; BFH, Urt. v. 03.11.2015 – VIII R 62/13, BStBl II 2016, 381).

9. Beteiligung an einer gescheiterten Praxisgemeinschaft

Beteiligung an einer Praxisgemeinschaft, die als gescheiterte Praxisgemeinschaft anzusehen ist, weil sie selbst (entgegen ihrer Zielsetzung) gewerbliche Einkünfte erzielt (z.B. weil sie an Nichtmitglieder Geräte vermietet).

Hinweis: Eine Praxisgemeinschaft ist grundsätzlich ertragsteuerlich mangels Gewinnerzielungsabsicht keine Mitunternehmerschaft. Überlässt die Praxisgemeinschaft jedoch nicht nur gegen die Erstattung des jeweiligen Anteils an den Kosten den Mitgliedern Räume und/oder Geräte und/oder Personal, sondern erzielt zusätzlich Einnahmen aus der Überlassung von Räumen und/oder Geräten und/oder Personal gegenüber einer dritten Praxis, stellen die mit der Praxis X erzielten Umsätze ertrag­steuerlich Einkünfte aus Gewerbebetrieb dar. Diese führen dazu, dass die Praxisgemeinschaft (= Personengesellschaft) zu einer ertragsteuerlichen Mitunternehmerschaft wird, die gewerbliche Gewinne nach § 15 Abs. 1 Nr. 1 EStG erzielt.

10. Berufsträger ist selbst nicht leitend und eigenverantwortlich tätig

Innerhalb einer freiberuflichen Personengesellschaft ist ein (oder sind mehrere) Berufsträger (Mitunternehmer) nicht freiberuflich tätig, da er/sie selbst nicht genügend Zeit für den einzelnen Fall aufwendet/aufwenden, so dass er/sie dem einzelnen Fall den Stempel der Eigenverantwortlichkeit nicht aufdrücken kann/können.

Beispiel: Der Facharzt für Laboratoriumsmedizin ist nach der BFH-Rechtsprechung und Auffassung der Finanzverwaltung der Facharzt, der am meisten zur Gewerblichkeit tendiert. Ob der Betrieb eines Untersuchungsinstituts für medizinische Mikrobiologie und klinische Chemie eine freiberufliche oder gewerbliche Tätigkeit begründet, wird durch die Mitarbeit des Steuerpflichtigen am einzelnen Auftrag bestimmt (BFH, Urt. v. 25.11.1975 – VIII R 116/74, BStBl II 1976, 155).

11. Qualifiziertes Fachpersonal wird nicht leitend und eigenverantwortlich überwacht

Eine freiberufliche Personengesellschaft hat einen oder mehrere angestellte Berufsträger. Der oder die angestellten Berufsträger werden nicht so weit überwacht, als dass die Überwachung dazu ausreicht, dass der einzelne Fall des angestellten Berufsträgers durch die Mitunternehmer oder durch einen Mitunternehmer den Stempel der Eigenverantwortlichkeit aufgedrückt bekommt.

12. Erben

Nicht qualifizierte Erben treten in die Rechtsstellung des Erblassers.

Abfärbetheorie und ihre Rechtsfolgen

1. Einkünftequalifikation

Die Tätigkeit der Personengesellschaft gilt in vollem Umfang als Gewerbebetrieb (§ 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG).

2. Geringfügigkeitsgrenze

Die Einkünfte einer Personengesellschaft werden nicht insgesamt nach § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG zu solchen aus Gewerbebetrieb umqualifiziert, wenn die Nettoumsatzerlöse aus dieser auf den Angestellten übertragenen Tätigkeit 3 % der Gesamtnettoumsatzerlöse der Gesellschaft und den Betrag von 24.500 € im Veranlagungszeitraum nicht übersteigen. Das heißt: Überschreiten im Veranlagungszeitraum die originär gewerblichen Nettoumsatzerlöse nicht

  • 3 % der Gesamtnettoumsatzerlöse der Gesellschaft und
  • den Betrag von 24.500 €,

sind die gewerblichen Einkünfte insoweit unschädlich, als sie die anderen Einkünfte nicht zu gewerblichen Einkünften mutieren lassen.

3. Qualifikation des Betriebsvermögens

Beim Übergang eines freiberuflichen in ein gewerbliches Betriebsvermögen besteht ein vorhandener Praxiswert nicht fort, sondern wandelt sich in einen Geschäftswert. Dieser Geschäftswert ist nach § 7 Abs. 1 Satz 3 EStG zwingend über 15 Jahre abzuschreiben (FG Münster, Urt. v. 24.10.2014 – 13 K 2297/12 F, BB 2014, 2992). Da der Praxiswert i.d.R. über drei bis sechs Jahre (Einzelpraxen) bzw. sechs bis zehn Jahre (Gemeinschaftspraxen) abgeschrieben wird, verlängert sich der Ab­schrei­bungszeitraum erheblich. Dadurch kann die Steuerbelastung nicht nur durch die Gewerbesteuer, sondern auch durch zusätzliche Einkommensteuer steigen!

4. Besteuerung stiller Reserven

Wenn z.B. eine vermögensverwaltende Personengesellschaft, die bisher ausschließlich Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung erzielte, gewerblich wird, sind Gewinne aus der Veräußerung von Immobilien nunmehr auch außerhalb der Spekulationsfrist steuerpflichtig.

5. Gewerbesteuerbelastung

Die gesamten gewerblichen Einkünfte (also die ursprünglich freiberuflichen Einkünfte, die durch die gewerblichen Einkünfte erst zu gewerblichen Einkünften wurden, und die primär gewerblichen Einkünfte) unterliegen der Gewerbesteuer. Die Gewerbesteuer ist jedoch mit dem 3,8-fachen des Gewerbesteuer-Messbetrags auf die Einkommensteuer anrechenbar. In Kommunen mit einem Hebesatz von über 380 % kommt es deshalb zu zusätzlichen, nicht neutralisierbaren Ge­wer­besteuerbelastungen.

6. Gewerbesteuerfreie Tätigkeiten

Übt eine Personengesellschaft neben einer freiberuflichen auch eine gewerbliche Tätigkeit aus, die jedoch gewerbesteuerfrei wäre, so ist die Tätigkeit auch dann infolge der „Abfärberegelung“ des § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG insgesamt als gewerblich anzusehen, wenn die gewerbliche Tätigkeit von der Gewerbesteuer befreit ist. Die Gewerbesteuerbefreiung erstreckt sich in solchen Fällen jedoch auch auf die Tätigkeit, die ohne die „Abfärbung“ freiberuflich wäre (BFH, Urt. v. 30.08.2001 – IV R 43/00, BStBl II 2002, 152, LEXinform 0573757).

7. Sonderbetriebsvermögen

Gewerbliche Einkünfte im Sonderbereich des Gesellschafters einer freiberuflich tätigen Personengesellschaft führen nicht zu einer Abfärbung gem. § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG auf die Einkünfte der Gesellschaft im Gesamthandsbereich (BFH, Urt. v. 28.06.2006 – XI R 31/05, FR 2007, 79 mit Anm. Wendt).

15 Abs. 3 Nr. 1 EStG stellt darauf ab, dass als Gewerbebetrieb in vollem Umfang die mit Einkünfteerzielungsabsicht unternommene Tätigkeit einer offenen Handelsgesellschaft, einer Kommanditgesellschaft oder einer anderen Personengesellschaft gilt. Als Personengesellschaft gilt hierbei lediglich die Gesamthandsgemeinschaft exklusive des Sonderbetriebsvermögens. Soweit der jeweilige Mitunternehmer im Rahmen des Sonderbetriebsvermögens im eigenen Namen und für eigene Rechnung selbständige Tätigkeiten entfaltet, wird er als Einzelunternehmer tätig. Der Re­gelungsbereich des §15 Abs. 3 Nr. 1 EStG trifft aber nicht den Bereich von Sonder­betriebs­vermögen, soweit hinter diesem ein einzelner Mitunternehmer steht.

8. Maßgebender Zeitraum für die Anwendung der Abfärbetheorie

Die Abfärbetheorie ist nicht auf den gesamten Veranlagungszeitraum zu beziehen, wenn die durch die Abfärbetheorie verursachten gewerblichen Einkünfte sich lediglich auf den Teil eines Veranlagungszeitraums beziehen (BFH, Urt. v. 20.12.2000 – XI R 8/00, BStBl II 2002, 478; Schmidt/Wacker, EStG, 33. Aufl. 2014, § 18 Rdnr. 44; Korn, in: Korn, EStG, § 18 Rdnr. 153.1).

Beispiel: Eine freiberufliche Personengesellschaft beschäftigt für sechs Monate einen qualifizierten angestellten oder freien Mitarbeiter, der eigenverantwortlich einen größeren Auftrag abwickelt; die freiberufliche Personengesellschaft führt dann nur in diesem Zeitraum gewerbliche Leistungen durch.

Beratungsempfehlungen zur Vermeidung der Abfärbetheorie

Gründung einer zweiten Personengesellschaft (Anwendung der Trennungstheorie): Wird die gewerbliche Betätigung durch eine andere Gesellschaft des bürgerlichen Rechts vorgenommen, tritt die Folge einer Abfärbung nicht ein, und zwar selbst dann nicht, wenn ganz oder teilweise dieselben Personen an der bspw. freiberuflichen Personengesellschaft beteiligt sind (BFH, Urt. v. 08.12.1994 – IV R 7/92, BStBl II 1996, 264). Die Abfärberegelung ist nämlich auf die ansonsten freiberuflich tätige Personengesellschaft dann nicht anzuwenden, wenn die Beteiligung an der gewerblich tätigen Gesellschaft von einem, mehreren oder allen Gesellschaftern der freiberuflichen Personengesellschaft persönlich oder von einer Schwestergesellschaft der freiberuflichen Personengesellschaft gehalten wird (vgl. BMF-Schreiben v. 13.05.1996 – IV B 2 – S 2241 – 33/96, BStBl I 1996, 621).

Abgrenzung der gewerblichen und freiberuflichen Tätigkeiten: Die Tätigkeit der gewerblichen Gesellschaft bürgerlichen Rechts muss sich eindeutig von der Tätigkeit der freiberuflichen Personengesellschaft abgrenzen lassen. Dies setzt Folgendes voraus:

  1. Der Gesellschaftsvertrag muss so gestaltet sein, dass die Gesellschaft wirtschaftlich, or­ga­nisatorisch und finanziell von der freiberuflichen Personengesellschaft unabhängig ist.
  2. Es sind getrennte Aufzeichnungen oder Bücher zu führen, besondere Bank- und Kassen­konten einzurichten sowie eigene Rechnungsformulare zu verwenden.
  3. Vorräte und Verbrauchsmaterialien sind getrennt von denen der frei­beruflichen Personengesellschaft zu lagern.
  4. Überwiegend im Zusammenhang mit der gewerblichen Tätigkeit genutzte Wirtschaftsgüter gehören zum Betriebsvermögen der ge­werblichen Gesellschaft bürgerlichen Rechts.

Aufwandsersatz: Überlässt die freiberufliche Personengesellschaft der gewerblichen Gesellschaft bürgerlichen Rechts für deren Zwecke Personal, Räume oder Einrichtungen usw. gegen Auf­wendungsersatz, führt dies bei der freiberuflichen Personengesellschaft mangels Gewinn­erzielungsabsicht nicht zu Einkünften aus Gewerbebetrieb. Kann die Höhe dieser Aufwendungen nicht nach dem Verursacherprinzip ermittelt werden, ist es nicht zu beanstanden, wenn sie auf Grund wirtschaftlich nachvollziehbarer Schätzungen beiden Gesellschaften zugeordnet werden und der geschätzte Betrag der freiberuflichen Personengesellschaft erstattet wird. Die freiberufliche Personengesellschaft hat einen Auf­wandsersatz durch die Gesellschaft bürgerlichen Rechts im Rahmen ihrer Einkünfte aus selbständiger Arbeit als Einnahme/Kostenerstattung zu erfassen.

Gründung einer Kapitalgesellschaft (größenabhängig i.S.d. Wirtschaftlichkeit der Entscheidung) – man beachte jedoch die Gefahr einer Betriebsaufspaltung.

Auslagerung der gewerblichen Tätigkeit in das Sonderbetriebsvermögen eines Gesellschafters. Hierbei ist jedoch darauf zu achten, dass der jeweilige Gesellschafter selbst wie ein Unternehmer auftritt und nicht im Namen oder für Rechnung seiner Personengesellschaft.

Verlagerung auf andere Personen, z.B. Ehegatten, Arbeitnehmer etc.

Überwachung von angestelltem qualifiziertem Personal („stempeln“); diese Fälle werden insbesondere in der Patientenkartei möglichst umfangreich zu dokumentieren sein, um eine aus­reichende Überwachung nachweisen zu können.

Beteiligungseinkünfte sollten nicht auf Ebene der Gesamthand erfolgen, sondern den einzelnen Gesellschaftern zufließen, so dass jeder Gesellschafter seine Beteiligungseinkünfte in seinem Sonderbetriebsvermögen erzielen kann. Die Sicherheit, dass alle Gesellschafter gleich ab­stim­men, kann durch einen Stimmrechtspoolingvertrag herbeigeführt werden.

Bei der Auswahl der Gesellschafter auf die persönliche Qualifikation des einzelnen Gesellschafters achten.

Keine inaktiven Gesellschafter dulden.

Bei interprofessionellen (bei Ärzten in fachgruppenübergreifenden Berufs­aus­übungs­gemein­schaften) Personengesellschaften auf den Gewinnverteilungsschlüssel achten und nach­kal­kulieren. Rechtfertigen wirtschaftliche Gründe eine abweichende Gewinnverteilung? Dann besteht kein Handlungszwang. Bestehen keine wirtschaftlichen Gründe für eine abweichende Gewinnverteilung, sollte auf eine Anpassung des Gewinn- und Verlustverteilungsschlüssels gedrungen werden.

Bei einer Beteiligung an einer Praxisgemeinschaft auf deren ordnungsgemäßes Auftreten und Abwicklung achten, insbesondere darauf, dass keine Leistungen gegen Entgelt gegenüber frem­den Dritten erbracht werden.

Betriebsaufspaltung vermeiden: Eine mitunternehmerische Betriebsaufspaltung lehnt die Rechtsprechung ab. Hier wird die Bilanzierungskonkurrenz zwischen Schwes­ter­per­sonen­gesell­schaft und Sonderbetriebsvermögen zugunsten des Sonderbetriebsvermögens gelöst.

Bei Gesellschaftsverträgen auf eine nichtqualifizierte Nachfolgeregelung verzichten. Der Gesellschafter scheidet mit dem Tod aus, die Erben erhalten von den verbleibenden Ge­sell­schaf­tern eine Abfindung (in Höhe des Verkehrswerts der Beteiligung).

Gewerbliche Tätigkeiten unterlassen.

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